Tagungsband Einleitung

 

Einleitung

Hofgesellschaft und Bürger, Marktkirche und Fürstenhaus, Burgberg und Talstadt – in Bernburg gibt es zahlreiche Begriffspaare dieser Art, die das Spannungsfeld beschreiben, das noch heute für jeden Besucher dieses Ortes an der Saale erlebbar wird.

Dass Bernburg Residenzstadt der Fürsten von Anhalt war, steht in jedem touristischen Prospekt. Doch was bedeutete es für die Stadt konkret, Wohnsitz einer Fürstenfamilie zu sein? Viel ist in der Sekundärliteratur von der Förderung „ihrer Stadt“ durch die Askanier die Rede. Von Spannungen wie dem Bernburger „Bürgermord“ im Revolutionsjahr 1849 oder dem Konflikt um durch Fürst Viktor Friedrich erhobene Abgaben, der 1752 zur Ausweisung des angesehenen Bernburger Kaufmannes Dietz führte, ist schon viel weniger zu erfahren. Auch die Unruhen bei der Einführung des reformierten Bekenntnisses um das Jahr 1600 und die Auseinandersetzungen im Verlauf der Bernburger Irrung am Ende des 15. Jahrhunderts, die auch Auswirkungen auf die Bürger hatten, fanden nur als von herrschaftlicher Seite gefärbte Interpretation Eingang in die offizielle Geschichtsschreibung.

Natürlich profitierten die Bürger auch stark vom Fürstenhof. Fürstliche Prestigebauten brachten im 18. Jahrhundert Ansehen für die Stadt und Arbeitsplätze für die Bevölkerung. Zahlreiche Dienstleister lebten von der Versorgung des Hofes. Das fürstliche Amt mit seinen Vorwerken und Versorgungseinrichtungen bot den Lebensunterhalt zahlreicher Bernburger Familien. Ein ganzer Stadtteil war direkt auf das Schloss bezogen. Nicht nur die Bürger der Bergstadt zeigten ihre Verbundenheit mit dem Hof durch die Übernahme von Architekturelementen des Schlossbaus bei der Gestaltung ihrer Hausfassaden.  Doch die herrschaftliche Durchdringung und die dann folgende Dominanz aller Bereiche des urbanen Lebens der Stadt waren Folge eines gezielten Landesausbaus, der zu Beginn der frühen Neuzeit einsetzte und allmählich das symbiotische Miteinander der schon fast unübersichtlich gewordenen Interessenssphären und Zuständigkeiten im mittelalterlichen städtischen Raum überformte.

Dieser Prozess der Herausbildung der frühneuzeitlichen Bernburger Residenzstadt stand im Mittelpunkt des vom Förderverein der Kulturstiftung Bernburg am 23.10.2010 im Saal des Bernburger Rathauses durchgeführten Kolloquiums „Stadtgeschichte im Spannungsfeld. Bernburgs Weg zur frühneuzeitlichen Residenzstadt der Fürsten von Anhalt“, dessen Ertrag dem geneigten Leser mit dieser Broschüre vorgelegt werden soll. Fünf Referenten näherten sich dem Transformationsprozess aus verschiedenen Richtungen. Die Vorträge von  Matthias Steinbrink und Ulf Christian Ewert beschäftigten sich zum Auftakt der Veranstaltung mit wirtschaftshistorischen Problemen und der Fragestellung, wie sich die Bernburger Entwicklung vor dem Hintergrund gesamteuropäischer Tendenzen der frühneuzeitlichen Residenzentwicklung verorten lässt. Dabei wurden Zusammenhänge bezüglich der Aufbringung der für die fürstliche Herrschaftsausübung benötigten Ressourcen ebenso erörtert wie die Verhandlungsspielräume und -muster, die sich den Partnern im Kommunikationsraum „Residenzstadt“ bei der Aushandlung ihrer Interessen boten. Ein Ergebnis des Referates von Matthias Steinbrink war die Charakterisierung der Kompensationsstrategie des „demonstrativen Konsums“ des Anhaltischen Fürstenhauses vor dem Hintergrund der von Erbstreitigkeiten und drohender Entfremdung von Gebieten gekennzeichneten Krise im 15. Jahrhundert. Das Mittel des herrschaftlichen Schuldenmachens als Möglichkeit zur kurzfristigen Erhöhung der Handlungsspielräume wurde als wichiges Moment der fürstlichen Finanzpolitik herausgearbeitet. Während Matthias Steinbrink sich eher mit der Sphäre des Hofes auseinandersetzte, fragte Ulf Christian Ewert nach dem Nutzen des fürstlichen Konsums für den Residenzort. Mit einem spieltheoretischen Ansatz untersucht Ewert die Strategien bei der Aushandlung von Machtinteressen zwischen Fürst und Stadt. Ein wichtiges Ergebnis seines Vortrages ist die Formulierung gezielter Fragestellungen als Ausgangsbasis für weitere Forschungen zu diesem interessanten Thema.

Einen zweiten Schwerpunkt bildete die Beschäftigung mit den Wechselbeziehungen im Zuge der Residenzentwicklung am konkreten Ort Bernburg. Der dabei von den Referaten abgedeckte Zeitraum umfasst das 15. bis frühe 17. Jahrhundert. Gerrit Deutsch-länder zeigte anhand zahlreicher Beispiele Vernetzungen des Bernburger Hofes mit der Stadt auf. Er charakterisierte das Zusammenwirken zwischen Fürst und Bürgern bei der militärischen Verteidigung der Stadt und die stärker werdende Herrschaftsausübung der Stadtherren auf die urbane Entwicklung, die mit der erzwungenen Vereinigung von Alt- und Neustadt Bernburg unter Fürst Wolfgang von Anhalt-Köthen im Jahr 1561 eine neue Qualität erreichte. Daran anknüpfend charakterisierte Jan Brademann in seinem Beitrag die Rolle der Fürsten bei der Einführung der Reformation und der späteren Konfessionalisierung in Bernburg. Er zeigt auf, dass es zwischen beiden Abschnitten der Herausbildung des Protestantismus bis zum frühen 17. Jahrhundert entscheidende Unterschiede gab. Während Fürst und Bürger bei der lutherischen Reformation gemeinsame Interessen verfolgten, kam es bei der „Zweiten Reformation“ zum „konfessionellen Bruch“ zwischen den Anhängern des Hofes und den nun lutherischen Stadtbürgern, der zur Radikalisierung beider Seiten führte.

Den Abschluss des Tagungsprogrammes bildete ein Beitrag von Michael Hecht, der sich wieder explizit der Sphäre des Hofes zuwandte. Während bisher Fragestellungen der konkreten herrschaftlichen Repräsentation und Machtausübung im Mittelpunkt der Referate standen, widmete sich der Vortrag Hechts dem flankierenden Thema der Heraus-bildung einer neuen dynastischen Konzeption der Askanier im 16. und 17. Jahrhundert. Deutliche Spuren hinterließ dieser Vorgang auch bei der zeichenhaften Besetzung des Bernburger Stadtraumes mit herrschaftlichen Symbolen. Hecht lieferte die notwendigen Hintergrundinformationen für die semantische Interpretation der im 16. Jahrhundert aufkommenden Wappentafeln und repräsentativen Architekursymbole, die an den dem Hof nahestehenden Bauwerken angebracht wurden. Sein Vortrag ermöglichte gleichzeitig den Ausblick auf das Thema des nächsten geplanten Kolloquiums der Kulturstiftung in Bernburg, das sich im Jahr 2011 mit dem Renaissanceschloss Bernburg als zentralem Erinnerungsort des askanischen Fürstenhauses beschäftigen wird.

Olaf Böhlk